
Facebook bewegt sich spürbar in Richtung eines stärker entdeckungsgetriebenen Feeds. Weniger “ich sehe nur, was ich abonniert habe”, mehr “ich bekomme Inhalte, die zu meinen Interessen passen”. Meta beschreibt diese Richtung sehr klar: Der Empfehlungsmechanismus wird so verbessert, dass er Interessen schneller lernt und Nutzern neuere, relevantere Reels zeigt. Zusätzlich betont Meta, dass Facebook deutlich mehr Reels von Creatorn ausspielt, die am selben Tag veröffentlicht wurden, an dem man sie schaut.
Das ist keine kleine Produktänderung, sondern eine Verschiebung der Logik. Wer Facebook noch wie früher bespielt, also mit dem Gedanken “wir posten, unsere Seite-Fans sehen das schon”, wird Reichweite zunehmend als unberechenbar erleben. Wer dagegen versteht, wie Discovery, Video und soziale Signale zusammenspielen, kann wieder deutlich mehr Momentum aufbauen, auch ohne riesige Fanbasis.
Mit “mehr wie TikTok” ist nicht gemeint, dass Facebook identisch wird. Gemeint ist die Mechanik dahinter: Inhalte werden stärker über Interessen und Sehverhalten verteilt, nicht primär über die eigene Freundes- oder Seitenbindung. Reels werden dabei weiter zum Standardformat.
Ein wichtiges Signal ist, dass Meta das Video-Posting auf Facebook so umstellt, dass Videos künftig als Reels geteilt werden können, ohne dass Länge oder Format die entscheidende Grenze sind. Damit wird Reels nicht nur “ein Format unter vielen”, sondern das Gefäß, in das Facebook Video grundsätzlich einsortiert.
Dazu kommt ein weiterer Baustein: Discovery wird frischer und schneller. Wenn Facebook tatsächlich mehr Inhalte vom selben Tag ausspielt, wird Aktualität stärker belohnt als früher. Das verändert, wie man Content denkt. Nicht im Sinne von “mehr posten um jeden Preis”, sondern im Sinne von “häufiger relevante Momente zeigen”.
Die zentrale Verschiebung ist, dass Reichweite weniger an bestehende Community-Größe gebunden ist und stärker an Relevanzsignale. Das bedeutet: Ein Reel kann deutlich mehr Menschen erreichen, die Sie vorher nicht kannten, wenn es ein Thema trifft, das gerade passt, und wenn es im ersten Moment verständlich ist.
Für Marken ist das grundsätzlich eine gute Nachricht. Gleichzeitig ist es anspruchsvoller, weil der Feed härter filtert. Ein Content-Stück, das wie klassische Werbung wirkt oder erst nach zehn Sekunden “zum Punkt kommt”, verliert im Discovery-Umfeld sehr schnell.
Der Einstieg wird dadurch wichtiger. Nicht, weil man reißerisch sein muss, sondern weil Nutzer sofort verstehen müssen, worum es geht. Ein klarer Kontext am Anfang, eine echte Szene, ein Problem oder ein Aha-Moment macht oft den Unterschied zwischen “läuft durch” und “bleibt hängen”.
Meta setzt nicht nur auf Algorithmus, sondern macht soziale Signale wieder sichtbarer. “Friend Bubbles” zeigen bei Reels und im Feed, welche Inhalte Freunde geliked haben, und ermöglichen sogar, direkt aus einem Reel heraus einen Chat zu starten.
Das ist mehr als ein hübsches UI-Element. Es ist ein Mechanismus, um Discovery mit Social Proof zu verbinden. Man entdeckt Inhalte nicht nur, weil der Algorithmus sie empfiehlt, sondern weil das Umfeld zeigt: “Das fanden Leute, die Sie kennen, gut.”
Für Marken heißt das: Community-Management ist nicht nur “Service”, sondern ein Teil von Sichtbarkeit. Kommentare, Reaktionen und echte Gespräche senden Signale, dass Inhalte nicht nur konsumiert werden, sondern etwas auslösen. In einer Plattformlogik, die soziale Hinweise wieder stärker einbaut, können genau diese Signale die Reichweite stabilisieren und Vertrauen schneller aufbauen.
Wenn Video auf Facebook stärker Richtung Reels standardisiert wird, verschiebt sich auch die Gewichtung im Werbebereich. Targeting und Kampagnenstruktur bleiben wichtig, aber der Hebel wandert weiter Richtung Creative und Feed-Natürlichkeit.
Wenn Inhalte über Interessen- und Sehverhalten bewertet werden, gewinnt in paid nicht automatisch das polierteste Creative, sondern das Video, das sich für die Zielgruppe wie normaler, relevanter Content anfühlt. Und weil Reels stärker zum Standardformat werden, müssen Werbemittel sich in diese Nutzungssituation einfügen, statt wie klassische Werbung herauszustechen.
Außerdem hängen Community und Performance enger zusammen. Wenn soziale Signale sichtbarer werden, kann organische Interaktion indirekt auch Paid-Wirkung unterstützen, weil sie Hürden abbaut. Menschen kaufen leichter, wenn sie sehen, dass andere reagieren, zustimmen, nachfragen oder Erfahrungen teilen.
Viele Marken scheitern nicht am Thema, sondern daran, dass sie im falschen Modus produzieren. Reels werden wie Anzeigen gebaut: zu werblich, zu glatt, zu viel Erklärung im Bild und zu wenig echte Szene. In einem Discovery-Feed wirkt das wie ein Fremdkörper.
Ein zweiter Fehler ist fehlender Kontext. Wer den Nutzen nur behauptet, statt ihn in einem Moment zu zeigen, bleibt austauschbar. Der Feed belohnt Inhalte, die schnell verständlich sind und sich nach echter Erfahrung anfühlen.
Und schließlich wird Community oft als “Aufgabe danach” gesehen. Dabei entstehen genau dort die stärksten Vertrauensmomente. Wenn Rückfragen beantwortet werden und sich unter einem Reel echte Gespräche entwickeln, ist das nicht nur nett, sondern strategisch wertvoll, weil es Reichweiten- und Vertrauenssignale erzeugt.
Facebook bleibt Facebook, aber die Richtung ist klar: Discovery first, Video im Zentrum, Empfehlungen schneller und frischer, und soziale Signale werden gezielt als Verstärker eingebaut.
Für Marken heißt das: Reichweite ist wieder möglich, aber sie entsteht nicht mehr zuverlässig aus “wir haben Fans”. Sie entsteht aus Relevanz, Wiedererkennbarkeit und dem, was ein Reel bei Menschen auslöst. Community ist kein Extra, sondern Teil der Wachstumslogik. Und Ads funktionieren am besten, wenn sie sich in diese Feed-Realität einfügen, statt gegen sie zu arbeiten.
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